Hörgeschädigtentreffen in Berlin

Sonntag, 29.08.2010 | heho/md/HoSt

 

Gottesdienst


Sonntag:  Der Tag des Herrn

Irgendwann reißt jeden der Wecker aus dem Schlaf. In drei Gruppen gibt es Frühstück (zwischen 6 und 9 Uhr). Der Spaziergang zur Charlottenburger Kirche ist ein Déjà-vu… es regnet. Doch das ist im Hinblick auf den Höhepunkt des Treffens, den Gottesdienst, irrelevant.
Um 10 Uhr betritt Bezirksapostel Wolfgang Nadolny mit dem Gebärden-Dolmetscher den Altar. Schale für den Gottesdienst bildet das Bibelwort aus Apostelgeschichte 18, Verse 9 und 10: „Es sprach der Herr durch eine Erscheinung in der Nacht zu Paulus: Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir, und niemand soll sich unterstehen, dir zu schaden; denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt.“
Hintergrund dieses Wort ist wie folgt: Apostel Paulus kam nach Korinth und wollte – seinem Auftrag folgend – den Menschen das Evangelium predigen. Aber die Menschen widerstrebten dem Apostel und lästerten sogar. Nur wenige wurden gläubig. So wollte Apostel Paulus die Stadt bereits wieder verlassen, als die Stimme Gottes ihm in einer Erscheinung göttlichen Beistand versicherte. Apostel Paulus blieb in der Stadt und es entstand eine Gemeinde.
Es ist nicht überliefert, welche Art von Erscheinung der Apostel hatte. War es ein Traum, ein Engel oder eine laute Stimme? Wenn wir heute mit Gott im Gebet sprechen, antwortet er nicht durch eine gewaltige Erscheinung. Doch er schenkt uns genau den richtigen Gedanken, einen Gedanken, der sich auf das Herz legt. Und wir fühlen, dass dieser Gedanke von Gott ist. Denn bei kritischen Lebensentscheidungen, in ausweglosen Situationen erleben wir: Wo menschliches Vermögen endet, dort beginnt Gott. Und Gott ist da. Denn es ist unsere Aufgabe, Zeugen unseres Vaters im Himmel zu sein. Gott tut auch heute noch Wunder.
Der Bezirksapostel weist darauf hin: Bei dem gestrigen Regen-Sonne-Erleben war nicht das Gebet das Entscheidende, sondern der gemeinsame Glaube. Wenn göttliches Erleben unsere Herzen erfüllt, können wir nicht schweigen. Wir werden davon reden; uns also mitteilen durch Worte und Taten. Wenn Rede und Werk übereinstimmen, ist ein Mensch authentisch. Wenn wir Gott erleben, können wir von dem zeugen, was unser Leben bestimmt – Gottes Gnade und unsere Zukunft bei ihm.
In den Augen spiegelt sich die Bewegung des Herzens. Im Herz kann sich nur etwas bewegen, wenn es weich, empfindsam und gefühlvoll ist. Mögen wir Gottes Gedanken liebend mit dem Herzen hören und für (göttliche) Impulse empfänglich sein.
Bei der gemeinsamen Schifffahrt haben wir zwei Schleusen passiert. Der mitdienende Bischof vergleicht diese mit einem Gottesdienst. Gott nimmt uns Empfindungen, die uns bedrücken und bringt uns so auf ein niedrigeres „Wasserniveau“. Anschließend erfüllt er uns wieder mit Kraft und Stärke -> das Wasser steigt wieder an und wir können unser Lebensschiff weitersteuern. Falls wir die Entscheidung treffen, aus dem Schiff auszusteigen und nur Zuschauer zu sein, wird dieses „Los-Lassen“ und das spätere „Auffüllen“ keine Wirkung in unserer Seele haben.
Noch ein Gedanke zum „Reden“. Reden ist menschliches Bedürfnis; besonders wenn Lebensumstände drücken, möchte man sich etwas „von der Seele reden“. Der Bezirksapostel nannte dazu ein persönliches Erleben. Niemand war zum Reden da, doch es war für ihn zwingend notwendig. In einem Brief hat er sich die Dinge von der Seele geschrieben und gleich darauf den Brief zerrissen. Danach war die Seele ruhiger.
Diese Kerngedanken des Gottesdienstes mögen das Dienen des Bezirksapostels, der Bischöfe und Brüder in Erinnerung rufen und noch manches andere in der Seele anklingen lassen. So bleiben auch die Lieder der „Singenden Hände“, eines jugendlichen Chores, der Gesang durch Gebärden untermalt, in Erinnerung. Zum Abschluss des Gottesdienstes trägt der Kinderchor noch ein kleines „Halleluja“ vor.

Good-bye Berlin

Jetzt ist schon wieder der Zeitpunkt des Abschiednehmens gekommen. „Auf Wiedersehen“ klingt es durch die Kirche. „Bis zum nächsten Jahr“ verabschieden sich Geschwister verschiedener Gebietskirchen. Draußen regnet es wieder, da wärmt eine warme Kartoffelsuppe den Bauch und bereitet auf die teils langen Heimwege vor. „Auf Wiedersehen“ klingt es auch herzlich vom Orga-Team, das noch Lunchpakete für hungrige Bus- und Bahnfahrer mitgibt.
Mit manchen Erwartungen sind die Geschwister, Gäste und Betreuer zusammengekommen um 24 Stunden später schon wieder auseinanderzugehen.. Es waren Stunden, angefüllt mit Begegnungen, die die Seele berührten und weiterschwingen lassen. In diesen Stunden des Wiedersehens und Kennenlernens lagen Friede und Harmonie. Es ist schon dunkel, als manche zu Hause ankommen. Der Duft von frischem Regen liegt in der Luft, als sich in dicken Pfützen die Straßenlaternen spiegeln. Die Begegnung ist vorüber – die Erinnerung daran bleibt.